DNF beim Hungarian Divide 2020 – heuer ist alles wie verhext…

Mittwoch, 19. August 2020:
Ich mache mein Rad fertig, arbeite den Rider der Veranstalter ab, damit ich nix vergesse und mache mich reisefertig. Mein Zug geht am Nachmittag, ich bevorzuge allerdings das Privat-Taxi nach Sopron, damit ich keinen Stress beim umsteigen bekomme. Pünktlich komme ich in Szentgotthárd an und rolle zu meinem Quartier. Ich checke ein, begutachte kurz mein Zimmer und rolle dann zum Startort zur (endgültigen) Registrierung. Gleich werde ich vom Veranstalter als „alter Bekannter“ begrüßt – und gleich „z’sammgschissn“: „… was, du bist mit dem Zug aus Österreich gekommen, bist du eppa alt geworden …“. Na gut, ich fasse meinen Tracker und meine Goodies aus, stelle mich für’s Startfoto an, mache den Bike-Check, dann sehe ich noch ein, zwei, drei (flüchtig) Bekannte/Teilnehmer vom 5 Peaks 500 im Vorjahr. Es wird holpernd auf deutsch/ungarisch/englisch geplaudert, wer fährt heuer was, was wurde an den Rädern verändert, was hat Covid-19 verändert…
Irgendwann rolle ich nach wieder nach Szentgotthárd hinein: Noch einmal ordentlich essen  ist angesagt. Dann ab ins Quartier und zeitig schlafen gehen – es werden harte Tage!

Donnerstag, 20. August 2020 – Tag 1:
Aufstehen, duschen, im Aufenthaltsraum in der Pension Frühstück machen und dann langsam zum Startort rollen. Dort treffe ich dann auch den anderen österreichischen Teilnehmer und wir plaudern eine Weile. Dann gibt’s noch ein Briefing (auf ungarisch), für mich ausnahmsweise auch auf Kauderwelsch englisch/deutsch. Im Prinzip alles wie immer. Notfallnummer notieren, aufpassen, helfen, sollte wer Probleme haben, der Whats-App-Gruppe beitreten etc.
Und der dezente Hinweis: Nach den Regenfällen in den letzten Tagen/Wochen ist es ordentlich gatschig auf den ersten 100 Kilometern (oder so)…

Pünktlich um 10:00 Uhr machen sich 99 StarterInnen (ja, es sind auch ein paar Mädels dabei) auf den Weg. Und tatsächlich geht es ordentlich verschlammte Wege und Pfade entlang hinauf und hinunter. Das Feld ist noch ziemlich kompakt, daher gibt es keine Fotos (vielleicht später auf der offiziellen Hungarian Divide 2020-Seite oder sonstwo, ich werds bei Gelgenheit verlinken), da die Wege mitunter so schmal waren, dass ein – stehenbleiben / GoPro / Handy herausholen / Foto machen / alles wieder einpacken – gleich einen Stau verursacht hätte.

Und weiter geht es auf und ab, und endlich gibt es bei km 60 ungefähr ein offenes Lokal. Kein Essen, aber immerhin kalte Getränke. Ab Kilometer 70 werden dann die Anstiege (und Abfahrten) steiler und anstrengender, die Temperatur steigt auch, jede Möglichkeit Wasser zu bunkern wird genutzt. Schön langsam wird es auch Zeit, einen Platz für die Nacht zu finden. In den kleinen Dörfern neben dem Track gibt’s nix, keine Pension, kein Hotel. Mir (fast) egal, ich habe ja alles dabei – aber in einer nassen Wiese will ich nicht liegen…
Aber ich sehe – gerade bevor es richtig finster wird – ein offensichtlich momentan nicht bewohntes Haus mit einer betonierten, überdachten Einfahrt. Wunderbar!
Isomatte und Schlafsack raus. Kocher angeworfen, Tee gekocht und eine Packerlsuppe, die auch so geschmeckt hat, aber es gab halt keine Einkaufsmöglichkeiten…
Strava sagt: 115,92 km + 1.313 hm, also eigentlich eh in Ordnung…

Freitag, 21. August 2020 – Tag 2:
Zeitig werde ich munter. Vogelgezwitscher weckt mich. Ich koche nochmal Tee, besuche das Plumpsklo hinter dem Haus, mache mich fertig für den Tag. Und es wird der Tag des Leidens. Es wird heisser und heisser, die Steigungen werden steiler und ich schiebe mehr, als ich fahre… Hunger und Durst stellen sich ein. Nach nur ca. 30 Kilometer Fahrt ein Schild: Essen, Trinken. Hurra! Ich biege vom Track ab, fahre zum Reiterhof – „… Der größte Reitstall der Region, die Szentmihálypuszta, liegt inmitten des malerischen Zalatals und ist umgeben von lieblichen Hügeln (!) …“. Ein eiskaltes Cola, drei halbe Liter köstliche Limonade, ein Supperl und Pasta helfen mir wieder auf die Beine.

Dazu eine Anmerkung: Mein Telefon meckert fast andauernd. In der Whats-App-Gruppe werden fleissig Tipps gepostet – wo gibt’s Drinks und Food, wo ist es schwierig zu fahren, und, und, und – halt leider fast nur auf ungarisch 🙁

Und es geht wieder weiter. Schieben und fahren in der prallen Sonne. Trotzdem: Die Gegend ist wunderschön.
Irgendwo und irgendwann im Wald – meine Brille ist zu langsam für die Hell-/Dunkel-Umstellung, ein Loch, ein Stein, ein Ast, ich weiss es nicht – mache ich einen Salto, fliege übers Vorderrad, rolle mich ab, bleib kurz liegen. Aufstehen, (vorerst) keine offensichtlichen Schäden an Rad und Körper, nur ein Kratzer…
Bei einer Jausenpause schaue ich auf mein Hinterrad – was ist da für ein Lehmpatzen? Ich fahre mit dem Finger drüber – oha! – kein Lehmpatzen, sondern ein Riss im Mantel. Ok, der Reifen ist neu und die Seitenwand noch dick, aber etwas Luft rauslassen kann nicht schaden, bevor es den Schlauch rausdrückt. Trotzdem drückt es mir dann noch zusätzlich einen ordentlichen Dorn in den Reifen. Schattenplatz suchen, neuen Schlauch einziehen, auf die Unterlage beim Riss nicht vergessen, aufpumpen – zum Glück habe ich eine Super Pumpe (*) mit – und weiter.

Und irgendwann bin ich dann doch tatsächlich beim CP 1! Dort sitzen schon einige, ebenfalls staubig und verschwitzt und fluchend ob der Anstiege… Nach einer kurzen Verschnaufpause noch hinaufgestiegen, oben wartet für die FahrerInnen eine kleine Überraschung – ein Schokoriegel (ein kalter Drink wäre besser gewesen, sind sich alle einig). Und dann geht es endlich nur mehr bergab, an den Balaton, nach Balatongyörök.

Ich fantasiere schon vom Essen, trinken und vor allem: Ich will ein Zimmer mit einem richtigen Bett und duschen, duschen, duschen und mein Trikot und meine Hose waschen und dann duschen, denn (vorsichtig ausgedrückt) ich rieche schon etwas streng…

Full House in Balatongyörök, Menschenmassen drängen sich am Strand, an der Promenade, überall. Ich esse irgendwo halbwegs gut und halbwegs günstig, studiere Booking.com (*), aber die Online-Suche ist aussichtslos. Also ein paar Runden gedreht, da gefragt, dort gefragt, aber es ist alles voll und überall ausverkauft. Ein Bad im Balaton wäre möglich, aber mit Trikot und Hose und dann nass irgendwo herumliegen… Also verzichte ich, suche mir etwas außerhalb einen Schlafplatz und denke das erste Mal an ein DNF.
Aber immerhin habe ich 97,49 km + 1.319 hm geschafft, sagt Strava.

Samstag, 22. August 2020 – Tag 3:
Eher schlecht geschlafen. Der Straßenlärm die ganze Nacht war nicht so schön. Ich fahre wieder in die Stadt, trinke einen Kaffee und um 07:00 sperrt der COOP auf und ich kaufe mir ein Frühstück und Verpflegung für den Tag. Ich überlege, ob ich die restliche Strecke noch in der Karenzzeit schaffe und rechtzeitig zur Finisher-Party in Budapest komme. Laut meinem Streckenplan wird die 3. Etappe etwas leichter (mit weniger Höhenmetern), die 4. Etappe schaut aber wieder heftig aus. Aber ich muss ja erst die 2. Etappe fertig fahren.

Es geht stetig bergauf, fast alles fahrbar, nur ein paar extremen Rampen sind trotzdem wieder dabei. Und es ist ordentlich heiss. 35°C, manchesmal mehr, zeigt mein Wahoo (*), wieder wird jede Gelegenheit zum Wasser fassen und abkühlen genutzt (ich liebe die blauen Hydranten in Ungarn!). Um die Mittagszeit hocke ich mich in Dörgicse in ein Lokal, esse und trinke, raste mich im Schatten aus. 2 andere Fahrer kommen auch vorbei, trinken und essen, wir plaudern „… was ist Euer/Dein Plan für heute …“ – „… zumindest bis zum CP 2 kommen …“. Wir brechen getrennt auf, jeder fährt sowieso sein Tempo, macht im Schatten Pause, man überholt, man wird überholt, man checkt die Whats-App-Nachrichten, man trifft sich wieder…
Die Hitze setzt mir ordentlich zu, immer öfter muss ich mich irgendwo in den Schatten setzen/legen. Und irgendwo im Wald nach Nagyvázsony habe ich nochmal einen Patschen. Diesmal brauche ich aber ewig, bis ich den Reifen runterkriege. Ich ziehe meinen zweiten (und letzten) Reserveschlauch ein, setz mich hin und denke nach. Also, mein Reifen ist hin, Reserve-Schläuche habe ich keine mehr, nur mehr Flickzeug. Morgen ist Sonntag, ich bin in der Pampa, das nächste Radgeschäft ist weit entfernt, also wird es sicher nix mit einem neuen Mantel. Und wenn ich so langsam weiterfahre und vielleicht noch einen Defekt habe, komme ich nie und nimmer bis zum Dienstag nach Budapest…

Ich bin müde, durstig, frustriert, dreckig, von den Dornen zerkratzt, stinke ordentlich…

Ich starre in mein Telefon, wo ist ein Hotel, eine Pension, eine Open-Air-Dusche? Nix in unmittelbarer Nähe. Einzig ein Bahnhof. In Ajka. So ungefähr 20 Kilometer entfernt. Ich gestehe, ich habe nicht wirklich lange überlegt. Ich setze eine Whats-App-Nachricht an den Veranstalter ab: „… Tracker 285, Rudi H.: Game Over – DNF …“

Und dann rolle ich missmutig nach Ajka, checke mir ein Zug-Ticket und somit ist die „Hungarian Divide 2020“ für mich Geschichte…
Strava sagt: 99,66 km + 1.160 hm.
Sorry für mein Versprechen „… kleine Schnipsel/Foddos gibt’s aber sicher auf FB und Instagram, eventuell auch auf You Tube …“ – ich hatte selten dran gedacht und eigentlich auch keinen Bock.

Resümee:

    • Ich hatte heuer Pech mit den Defekten, die Hitze hat mir schwer zugesetzt und die Motivation war dann etwas im Keller. Das soll aber keine Ausrede sein, ich hätte mich mehr anstrengen sollen…
    • Organisiert war die Geschichte fast besser als im Vorjahr, für den ordentlichen Gatsch auf den Anfangs-Kilometern kann niemand was.
    • Der Track der 1. Etappe hätte mehr durch Dörfer mit Einkaufs-/Versorgungs-Möglichkeiten führen sollen, meiner Meinung nach.
    • Ich hätte mich im Vorhinein mehr mit der Strecke beschäftigen sollen – eben wegen Versorgungs-Möglichkeiten, Schlafplätzen etc., Mapy.cz ist großartig dafür (funktioniert eh am Handy auch, ist aber etwas mühsam).
    • Aber nachher ist man immer gescheiter…
    • Und ich freue mich schon auf’s nächste Jahr!
    • Außerdem: Heuer habe ich schon so viele Reifen und Schläuche zerstört (bei den verschiedenen Rädern) – Platzer, Wimmerl, Patschen – wie die letzten 3 Jahre nicht…

07.09.2020 – Nachtrag:

© Dávid Benkö

 

Ein Mail vom Veranstalter trudelt ein, unter anderem eine Auflistung der Starter, Finisher…

– In terms of numbers, we had: 
    • HD 600: 70 riders; 38 finishers; 28 scratches, 4 overtime finishers
    • HD 1200: 29 riders; 21 finishers; 8 scratches
    • Total: 99 riders; 59 finishers; 40 scratches / overtime finishers

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2 Kommentare zu „DNF beim Hungarian Divide 2020 – heuer ist alles wie verhext…

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  1. Hallo,
    ich hatte heuer auch die Divide am Radar, aber dann das neue Bombtrack wieder verkauft.
    Ich hätte mich auch nicht zwischen Gravel oder MTB entscheiden können.
    Bezüglich Reifenwahl MTB! hat sich der vittoria mezcal in Marokko bewährt. ( Bike TourGlobal)
    Bei mir funktioniert Schlauchlos auch nicht, weil ich mit 4- 5 Bar fahre am Gravelbike bzw. 3 Bar am MTB. Da nutzt im Pannenfall nur das Loch mit einer Wurst stopfen, oder wenn du viel Zeit hast den Reifen innen kleben. Ich habe meinen Conti beim Gravelbike auch schon zusammen genäht gehabt, da war auch die Seitenwand aufgeschlitzt wie bei dir. Mit den Panaracer Gravelking hatte ich bis jetzt mehr Glück. Anfänglich mit Milch, jetzt wieder mit Schlauch. Die werden an der Seite einfach nicht dicht.
    LG Thomas- Hawara vom NOFatman

    1. Servus!
      Vielleicht hatte ich heuer auch nur Pech…
      Bin den WTB ungefähr 2.500 km ohne Panne gefahren (mit Schlauch).
      Jetzt probier ich halt einmal andere…
      LG
      Rudi

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