Hungarian Divide 2021

Bikepacking in Ungarn. Schöne Gegend, anstrengende Routen, freundliche Menschen, gutes Essen… Beim 5 Peaks 500 war ich gut dabei, voriges Jahr war es nicht so prickelnd und heuer wollte ich alles wieder gut machen – aber was soll ich sagen…

Aber der Reihe nach:

Tag 0 – Die Anreise:
Ausnahmsweise hat der Zug nach Wien Verspätung, ich erwische den Anschluss nach Budapest ganz, ganz knapp, der Fahrdienstleiter wachelt schon, in der Eile steige ich aber in die falsche (hintere) Zughälfte (die am Flughafen endet). Also wieder retour nach Wien und warten auf den nächsten. Da steigt auch Sigi G. ein, der mich angeschrieben hat, weil er Infos wollte und mit dem ich dann telefoniert habe. Mit einem Gesprächspartner ist die Reise gleich kurzweiliger und die diversen Verspätungen, andere Anschluss-Züge checken etc. gehen gleich leichter. Aber alles gut, wir kommen noch bei Tageslicht im Smaragdvölgy Pihenőpark, dem Startort, an. Registration in 2 Minuten erledigt, Essengutschein erhalten, alte Bekannte (von den letzten Ungarn-Geschichten) getroffen, kurz gekauderwelscht was, wann, wie, wo, wer. Zimmer begutachtet – ok. Essen gehen, ein paar Drinks und Abgang – es werden harte Tage…
Diesmal habe ich ja mehr oder weniger als „Merkzettel“ täglich einen kurzen Podcast aufgenommen – hier nachzuhören.

Tag 1 – Übernachtung am Friedhof:
Zeitig aufgestanden, frühstücken, tratschen, guggen, was haben die Mitstreiter:innen für Material, welches Setup, Packtaschen, Orientierung und, und, und. Um 09:30 Uhr Briefing auf ungarisch (lang), danach auf englisch (kurz) und Startaufstellung. Um 10:00 Uhr oder etwas später geht es los. Einmal ums Eck und dann ist sie da: Die Mauer von Sátoraljaújhely. Ein Hohlweg, unfassbar steil, auch kaum zu schieben. Und nicht nur für mich, ich glaube, da ist niemand hochgefahren. Dann eine flotte Abfahrt, hoch, runter, hoch – so geht’s dahin. Und es wird wieder ordentlich warm. Irgendwo bei Mikóhazá ein Patschen hinten! Und das, obwohl ich noch vor der Veranstaltung die angeblich „absolut pannensicheren“ Schläuche (Werbelink gibt’s erst nach Klärung mit dem Hersteller) eingezogen habe (mit Tubeless hab ich es nicht so). Ich schiebe ein Stück in der prallen Sonne, beim ersten Schattenstück pumpe ich ein bisschen – und siehe da: Der Reifen hält die Luft – haben die da ein „Selbstheilungsgen“ eingebaut? Also problemlos weiter. Aber nur für die nächsten 40 Kilometer oder so. Dann das selbe Spiel. Nachpumpen, hält. Vorgenommenes Tagesziel war die Burg Regéc (war Checkpoint beim 5 Peaks 500). Allerdings war ich etwas spät dran, der Verkaufsstand war schon geschlossen und ich hatte fast kein Wasser mehr. Also zu wenig für kochen, Katzenwäsche etc. Also weiter auf dem Track, im nächsten Dorf – Mogyoróska – beim blauen Hydranten Wasser fassen und dann umschauen für einen Schlafplatz. Zur Wahl steht entweder die Autobushaltestelle mitten im Ort, direkt an der Kreuzung, wo alle Strassen zusammenführen oder der Vorbau der Aufbahrungshalle am Friedhof. Was habe ich wohl gewählt? Ruhig und friedlich!
Strava sagt: 85,11 km | 2.097 hm.
Auch hier ein kurzer Podcast.

Tag 2 – Schlafen im Wald:
Frühstück kochen, anziehen, weiterfahren. Es geht eine Weile bergab. Bei Kilometer 20 ungefähr die erste Greisslerei. Es sitzen schon ein paar Divide Fahrer:innen in der Morgensonne. Zweites Frühstück und diverse Leckereien für unterwegs einkaufen, ein bissl tratschen und dann weiter. Die Gegend ist schön durch den Aggteleki Nemzeti Park und schön anstrengend auch. Schiebepassagen inklusive. Putnok war das geplante Tagesziel. Eine etwas grössere Ortschaft, ein Hotel, ein paar Pensionen (waren zumindest eingezeichnet). Nix da, nur das eine Hotel und das war ausverkauft. Einige der ungarischen Fahrer:innen haben quasi das ganze, relativ kleine Hotel gebucht. Na gut, ein Stück weiter, wird doch irgendwo ein Shelter oder ein Autobushüttel stehen, aber nein. Also weiter auf dem Track in den Wald und auf der ersten flachen Stelle Isomatte und Schlafsack ausgerollt…
Doch 137 km und 1.438 hm sagt Strava.
Podcast hier.

Tag 3 – Der Tag des großen Leidens:
In der Nacht sind noch ein paar vorbeigeradelt – die jungen, fitten, die wieder eine Rekordzeit einfahren wollen (vermutlich). Es geht noch eine Weile bergauf, gerade noch (für mich) fahrbar, dann flach bis wellig. Und wieder etwas welliger. Beim Mókusodú-Buffet kurz vor Omassa esse ich eine sensationelle Gulaschsuppe (um wunderbare 1.000 Ft = nicht ganz € 3,00). Hier sitzen wir wieder ungefähr zu fünft, zu sechst, essen und trinken und stärken uns für den nächsten Abschnitt: Ordentlich hoch auf fast 1.000 mtr. Seehöhe nach Bánkút. Ich schiebe viel und fahre wenig. Es ist schwül, der Himmel verdunkelt sich, es donnert, kein gutes Zeichen. Ich will eigentlich noch bis Eger, denn dort gibt es jede Menge Hotels, Pensionen, Restaurants, mit allem, was ich will und brauche. Aber oben in Bánkút bin ich vollkommen erledigt. Blaugefahren, alle Körner verbraucht, da hilft kein Gel, kein Riegel. Ich bekomme im Fehér Sas Panzió (*) das letzte freie Zimmer und bin sehr, sehr froh darüber.
Am nächsten Tag aber nicht mehr – ich hätte mich doch noch bis Eger quälen sollen, aber: hätte, hätte, Fahrradkette…
Ich dusche ordentlich, gehe essen, lege mich ein bissl hin, dusche nochmal, gehe nochmal essen, trinke viel Limonade (leider – oder zum Glück – gibts weder Aperol noch Campari) und gehe wieder zeitig zu Bett.
Nur 46,28 km, dafür aber 1.402 hm sagt Strava.
Podcast hier.

Tag 4 – Die Schlammschlacht:
In der Nacht werde ich munter – Blitz, Donner, Sturm und Starkregen. Der Strom fällt aus, das Notstromaggregat springt an. Es regnet lange, aber in der Früh ist der Regen vorbei. Ich frühstücke ordentlich, besonders die Würsterl (so eine Art Debreciner) haben es mir angetan. Dann aufsatteln und Abfahrt. Es geht eigentlich – von ein paar Schupfern abgesehen – nur bergab. In Felsőtárkány bei einem kleinen Fisch-/Badeteich mit ein paar Standeln gibts Kaffee und ein Jauserl. Dann geht es in den Wald und die Schlammschlacht beginnt. Keine Chance auszuweichen, dichter Bewuchs links und rechts des Weges. Dicker, fetter Schlamm, schon fast Ton, zwängt sich vorne und hinten zwischen Gabel/Rahmen und Reifen. Zwei Meter (wenn überhaupt) schieben, putzen, schieben, putzen, tragen, ziehen, zerren, fluchen, fluchen – so geht es viele, viele Hundert Meter dahin. Auch begab ist kein vorwärtskommen möglich. Irgendwann ist die Qual zu Ende, Eger ist in Sicht. Am Hauptplatz ist so ein(e) Wasserspiel/Bodenfontäne, da reinige ich mein Rad grob (Die spielenden Kinder waren begeistert, wie viel Dreck auf so einem Rad picken kann). Nebenbei habe ich bemerkt, irgendwo beim bergabfahren durch einen Hohlweg hat sich meine linker Blackburn Gepäckträger (*) mitsamt meiner Isomatte unbemerkt verabschiedet. Der Finder darf sich glücklich schätzen, denn ich war mit meiner Isomatte (*) sehr zufrieden. Egal, ich fahre nicht mehr zurück, sondern kaufe mir hier in Eger eine Ersatzmatte. Dann setze ich mich hin, esse und trinke und überlege: Fahr ich nach Hause, fahre ich weiter?
Ich will das Ding heuer durchziehen. In meiner geplanten Zeit geht sich das nicht mehr aus, aber zwei oder drei Tage länger ist auch kein Problem – Zeit habe ich ja.
Also fahre ich weiter. Es geht flach bergauf. Eine Weile. Und dann wieder: Schlamm, Schlamm, Schlamm. Schieben, putzen, fluchen, schieben, putzen, fluchen. Irgendwann bin ich ganz oben, ein wunderbarer Ausblick, schöne Wiesen, ein Schlafplatz? Lieber weiter, vielleicht gibt es unten – in Terpes bzw. Szajla ein Lokal und/oder eine Pension…
Beim blauen Hydranten treffe ich 4 Fahrer. Gibt’s da was? Wo schlaft ihr? Nichts hier, alles mindestens 20/25 Kilometer von hier (und vom Track) entfernt. Sie telefonieren hektisch, schütteln den Kopf, 3 fahren den Track weiter, einer in Gegenrichtung, ich beschließe: Heute wieder einmal Hotel Autobushaltestelle…
Knapp 70 km + 1.055 hm – sagt Strava.
Podcast hier.

Tag 5 – Der Abbruch:
Ich bin kurz vor dem einschlafen, da hält ein Auto neben der Hütte. Drei Polizisten steigen aus. „… Was, wer, warum, Passport, alles gut? Alles gut! Gute Nacht, auf Wiedersehen …“ Aber ungefähr um 01:00 Uhr wird’s unangenehm: Ein Sturm rüttelt an meinem Blech-Autobushütterl, droht es wegzublasen, es blitzt und donnert und Starkregen setzt ein.

Ich schaffe es noch, mich anzuziehen und mit dem Schlafsack in die hinterste Ecke, halbwegs regengeschützte Ecke, zu rutschen. Dort döse ich – mehr hockend als liegend – noch ein paar Stunden. Dann koche ich mir Tee, studiere die Strecke, die noch vor mir liegt.
Ich habe ungefähr die Hälfte der Strecke und nicht ganz die Hälfte der Höhenmeter geschafft, aber es geht noch ordentlich durch den Wald und zur Sache. Ich habe es ja eh gewusst, stand ja auch in der Ausschreibung:

„… 724 km / 13.500 hm – Most of the route (about 65-70%) runs on good quality (fast rolling) offroad terrain. In the other parts approx. 30-35% asphalt or small hike-a-bike terrain. Hike-a-bike can only be short sections because of tough climbs or poor road surface …“
„… In case of excess rain: A wet Divide track can be a different beast. In case of excess rain in the day prior/during to the event you can expect longer sections (overall 10-20% of the route) to be muddy and very hard to tackle …“

Inzwischen regnet es schon wieder, und mit dem Regen schwimmt auch meine Motivation die Strassen hinunter.
Und somit ist klar: Ich gebe (auch heuer) auf!
Ich will nicht nochmal viele, viele Meter durch den Gatsch schieben, über umgefallene Bäume klettern, draußen schlafen, weil es kein Quartier gibt…

Also, zusammenpacken, ab nach Eger und in den Zug…
Knapp 34 km nach Eger und 355 hm – sagt Strava.
Podcast hier.

Selbstreflexion:

  • Ich habe die Strecke auch heuer total unterschätzt – und mich total überschätzt,
  • mein Topstone ist halt doch eher als Reise-Rad zusammengebaut und für solche Events nicht gerade optimal,
  • ich sollte mich – in meinem Alter und mit meiner Vorgeschichte – doch eher auf gemütlichere Events verlegen.
  • Ich will – und werde – auch weiterhin an Bikepacking-Geschichten teilnehmen, allerdings nur an welchen, die kein Zeitlimit haben und einen Bergfaktor von maximal 12 aufweisen.
  • Hauptsächlich werde ich aber in Zukunft selbst geplante – kürzere oder längere – Radreisen machen, gemütlich dahingondeln, pausieren, fotografieren, essen und trinken und mir keinen Stress machen…

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