ISTRALAND 2022: DNF – Game Over in Pula

Ich habe ja im Vorfeld bereits vermutet, ISTRALAND wird nicht einfach – vor allem der 1. Tag mit seinen vielen Ansteigen bis zum Vojak, aber so hart, anstrengend, zermürbend…

Donnerstag, 29.09. – Tag 0:
Tagwache um Nullfünfhundert. Mein Rad ist fertig bepackt, ich kurble zum Bahnhof, fahre nach Wien, habe noch Zeit für ein kleines Frühstück und besteige dann den Direktzug (Eurocity 151 nach Triest) nach Sezana. Bereits hier treffe ich einige andere TeilnehmerInnen. Man nickt sich wissend zu, tauscht ein paar Worte aus…
Ich suche meinen reservierten Sitzplatz, den gibt es allerdings nicht. Ein anderer (kleinerer) Wagon wurde angekoppelt, der Zugbegleiter gibt mir ein Upgrade auf die 1. Klasse. Auch ok, ein etwas bequemerer Sitzplatz und mehr Beinfreiheit.
Nach ca. 8 Stunden Fahrzeit endlich raus aus dem Zug, ab zur Akkreditierung, die nur ein paar Strassen weiter über einem Radgeschäft gemacht wird. Grosses Hallo am Parkplatz: Eine Gruppe Ungarn, die ich von den diversen (sehr empfehlenswerten) ungarischen Geschichten kenne, sind auch anwesend.

Dann in’s gebuchte Hotel (*) – das Rad darf mit auf’s kleine Zimmer und anschließend in die Pizzeria, Kohlehydrate braucht der Körper. „Willy2.0“ und Dominik hocken auch dort, wir essen, trinken, tratschen und nach einer Weile trennen sich unsere Wege. Die beiden gehen in ihr Quartier, ich hole mir noch einen Absacker bei Arnold’s.

Freitag, 30.09. – Tag 1:
In der Nacht höre ich es Donnern, der Regen prasselt herunter, aber das bin ich ja heuer leider schon gewohnt. Beim Start in der Früh‘ war es kühl, aber noch trocken. Und wie bei solchen Geschichten üblich: Es geht mit Vollgas los! Den ersten Hügel bin ich noch mitgegangen, beim zweiten habe ich schon nachgelassen – i hätts eh ned derpackt!
Also vernünftigerweise versuchen, den Flow zu finden, schön dahinkurbeln und natürlich ab und zu schon am ersten Tag runter vom Rad und schieben. Irgendwann hat es dann wieder ordentlich zu regnen begonnen, also wieder rein in’s Regengwand und weiter – mehr bergauf als bergab. Es kam dann zwischendurch auch eine ca. 10 km lange schnelle Abfahrt und dann der „finale“ Anstieg zum Vojak. Dort oben war ich ja schon einige Male, aber die Auffahrt und die Strasse zum Checkpoint hatte ich nicht so lang und doch recht steil in Erinnerung!
Weit hinter meinem ursprünglich geplanten Zeitplan erreiche ich den Checkpoint 1.

Das Roadbook umschreibt die folgenden Kilometer so:

„… You’ll now turn back on your steps for about 700 m and take a dirt road on the flanks of mt. Vojak. Once you reach the wooden benches, please SLOW DOWN: this is a very steep single-track section and some passages are not rideable. We strongly advise carrying your bike. Notice that there are two big rock steps further down the trail that can’t possibly be tackled on the saddle (regardless of your riding skills). The technical single-track ends at Mala Učka, but don’t relax yet. You still have 3 km on a steep and narrow road, with loose gravel …“

Wenn es trocken gewesen wäre, wäre es schon schwierig gewesen auf diesem steinigen Single-Trail, jetzt – schon ordentlich gatschig – war es eine ziemliche Herausforderung. Immerhin war es noch hell. Unten treffe ich auf 3 Mitstreiter, nach einer kurzen Jausenpause und Lichtmontage geht es – jetzt bereits in der Dämmerung – weiter.
Zuerst flach, dann immer mehr bergab auf einem schnellen, steinigen Schotterweg mit einigen Serpentinen. Da habe ich bemerkt: die 40er-Reifen sind doch etwas zu schmal, meine Fahrtechnik ist auch nicht die beste und auch mein Licht (*) war diesmal nicht die beste Wahl…
Unten angekommen in Nova Vas schickt mich mein Wahoo (*) in den Sumpf – das kann es aber doch nicht sein!
Es reicht mir eh schon für heute, mein Vorderlicht ist auch schon schwach, also Quartiersuche. Ein B&B gibt es – ausverkauft. Also rolle ich ein bissl hin und her und finde doch noch einen Shelter. Wahoo Stopp / speichern – 112,31 km / 2.771 hm, Isomatte, Schlafsack, essen was noch übrig ist an Weckerln etc., einrollen, schlafen…

Samstag, 01.10. – Tag 2:
In der Früh werden vis-a-vis die Schulkinder abgeholt, ich schnorre mir eine Flasche Wasser (meine Reserven sind zu Ende), starte meinen Wahoo und fahre in Richtung Schlammwüste. Ich treffe drei Teilnehmer unbekannter Provenienz (die die letzten Betten im B&B ergattert haben), aber wir kauderwelschen, wie, wo die Route / der Track weitergeht. Die drei beschließen einen Umweg – aber auf Asphalt – zu fahren, ich Depp nehme natürlich den Original-Track.
Die nächsten ungefähr 5 Kilometer waren dann Schlamm, Schlamm, Schlamm – schieben, tragen, putzen, fluchen, Schlamm, Schlamm, Schlamm, schieben, tragen, putzen, fluchen…

Endlich komme ich auf Asphalt und kurz darauf zu einer Art Bauernhof / Gutshof. Meine Trinkflaschen sind schon wieder leer, ich biege ein, die Hunde melden meinen Besuch. Der Altbauer sitzt in der Sonne und guckt mich an. Ich radebreche „… Dober dan, Voda prosim …“. Er nickt, steht auf, öffnet den Brunnenschacht, startet die Grundwasser-Pumpe und ich kann meine Flaschen füllen – und mein Rad grob reinigen. Das gefällt der Altbäuerin nicht, sie flucht und schimpft, vermutlich ist / war auch in Kroatien Wassermangel, eine Bezahlung lehnen beide aber ab. Ich mache mich also flott vom Acker, komme nach Polje Čepić und da:

Es geht dann grossteils leicht wellig / bergab, anfangs wieder etwas gatschig Richtung Meer. Irgendwo mache ich wieder Jausenpause, und dann kommt die „Mauer von Rakalj“ (O-Ton Roadbook: „… a short rocky and steep ramp will get you on Rakalj hills …“) Schaut euch den Zacken auf Strava an! Für mich bedeutete das: ca. 2 Kilometer schieben. Oben angekommen setzte ich mich hin, Gel und Riegel, Foddos, Selfie, und: wo ist mein Helm? Den habe ich offensichtlich bei der Jausenpause liegen lassen. Den hole ich mir sicher nicht!
Weiter geht’s. Wellig, mit etwas Gatsch, Schotter, Asphalt. In Cokuni wird es schwammig hinten, ein ordentliches Loch im „pannensicheren“ Tubolito – zum Glück auf Asphalt und nicht im Gatsch! Schnell einen neuen Schlauch eingezogen und wieder weiter. Ein Radler holt mich ein und fragt „… Have you lost your Helmet? …“ – „… no, not lost – forgotten …“. Freude, Freude, er hat meinen Helm aufgeklaubt und mitgenommen!

Nach mageren 61 Kilometern ist dann Valtura erreicht. Ein kleiner Supermarkt wird von etlichen Radlern fast leergekauft und die Quartiersuche beginnt, denn weiterfahren ist (zumindest für mich) keine Option. Ich brauche ein Bett und vor allem eine Dusche. Mit Glück finde ich in Valtura eine preisgünstige Ferienwohnung (*). Der Besitzer stellt mir ungefragt den Gartenschlauch mit ordentlicher Druckdüse zur Verfügung. So wird mein Rad, Taschen, Schuhe etc. wieder halbwegs sauber.

Sonntag, 02.10. – Tag 3:
Es geht bergab Richtung Meer, zuerst natürlich wieder etwas gatschig und dann: „… Viel Steine gibt’s und wenig Brot …“. Es geht am Meer entlang, rüber nach Medulin, dann Kap Kamenjak. Teilweise (für mich) unfahrbar – scharfe Steine, Stufen, Blöcke…
Beim Bunker ist Checkpoint 2, der Stempel ist allerdings schon als Souvenir irgendwohin verschwunden – also Selfie.

Jausenpause, weiter leicht wellig nach Pula. Dort überlege ich während einer Kaffee- und Aperol-Pause. Ich habe noch ca. 200 Kilometer vor mir, eher alles noch bergauf. Und ich habe nur mehr knapp 2 Tage Zeit – in denen ich die 200 km wahrscheinlich nicht schaffe, und es gibt nirgends einen „Notausstieg“. Der Grund für meine Zeitknappheit: Ich habe T. noch einen Urlaub (ohne Rad) versprochen, über die Restplatzbörse eine günstige Pauschalreise nach Griechenland ergattert und unser Flug geht am 05.10…

Also zum Bahnhof (bis dahin waren es 65 km laut Strava), denn (theoretisch) gibt es Züge / einen Zug täglich nach Divaca. Der Bahnhof wirkt ausgestorben, kein Fahrplan, nichts, nada. Online sind sich die diversen Seiten nicht sicher, ob und wann (wenn überhaupt) der nächste Zug fährt, im daneben liegenden Kaffeehaus gibt es widersprüchliche Meldungen…

Also bastle ich mir mit mapy.cz eine Route nach Divaca, die knapp 100 Kilometer schaffe ich! Ich fahre noch 27 Kilometer, denn in Svetvinčenat habe ich mir ein Zimmer im Della Croce Bed&Breakfast (*) gecheckt. Ein paar Ecken weiter eine tolle Pizzeria – essen, trinken, fertig!

Montag, 03.10. – Tag 4:
Zeitig auf, köstliches Frühstück und ab dafür. In Pazin übernehmen offensichtlich außerirdische Mächte die Kontrolle über meinen Wahoo und leiten mich in die Pampa. Schwarze Pfeile weg, blaue Pfeile da, ok, da komm ich wieder auf den richtigen Pfad. Und dann ein gepiepse, geblinke, ich bleib stehen, mach einen Neustart, check die Route am Handy – ich bin total falsch! Also fluchen über die „leeren Kilometer“, Neuplanung und dann geht es – schon mit müden Beinen und einigen Tankstellen- / Supermarkt-Stopps – nach Divaca. Der letzte Berg, so ungefähr ab Mostičje und ca. 20 Kilometer lang, bis kurz vor Divaca zieht mir die letzten Körner aus den Beinen und ziemlich erledigt erreiche ich den Bahnhof in Divaca.

Der Rest…
ist schnell erzählt. Ich erwische einen Zug nach Ljubljana, dort ist allerdings Ende: Mein Zug nach Wien geht erst um 05:05 Uhr. Immerhin gibt es direkt am Bahnhof ein Hostel (*). Dort verbringe ich die Nacht, steige um 05:05 Uhr in den Zug und komme rechtzeitig nach Hause, um unseren Flug zu erreichen…

Fazit / Resümee:
Eine anspruchsvolle Runde, speziell der 1. Teil bis zum Vojak. Forstautobahnen, Waldwege, Single-Trails, wenig Asphalt durch wunderschönes Gebiet. Bei trockenem Wetter sicher wesentlich schöner zu fahren. Ich würde allerdings sagen, dass ein Hardtail oder Crosser/Gravelbike mit dickeren Reifen – so ab 2,5″ die bessere Wahl ist. Quartiere und Versorgungsmöglichkeiten sind auf der Originalroute eher dünn gesät, jedoch knapp daneben ausreichend vorhanden.

Zur allgemeinen Belustigung gibt’s noch meine Sprachnotizen zusammengeschnitten auf einen Podcast zu hören:


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4 Kommentare zu „ISTRALAND 2022: DNF – Game Over in Pula

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  1. Schöne Geschichte, gut geschrieben wie immer! Schade, dass es sich nicht geklappt hat, hoffentlich wirst du nächstes Jahr wieder teilnehmen – glaube ich soll es auch probieren!

  2. Servas Rudi,
    Hauptsache, du warst rechtzeitig beim Flieger nach Kreta!
    Ich bin am ersten Tag bis nach Krnica (mit Superquartier; nach Rakalj, diese deppate Schiebstrecke vom Meer rauf) und am zweiten Tag bis km 260 gefahren, dann nach multiplen technischen Gebrechen am Radl der Verlockung erlegen, auf der Straße nach Sezana zurückzufahren.
    Waren dann in Summe eh rd. 370km und grade recht für ein Wochenend.
    Die schlechten Bedingungen haben halt aus einem „100% fahrbar“ zum Teil einen Alptraum gemacht, der MEnsch und Maschine aufs äußerste gefordert hat…
    Egal, bis zum nächsten Abenteuer!!
    LG
    Willy 2.0

    1. Hallo Willy!
      Ja, das war eine ordentliche „Mauer“…
      Schaumma, was 2023 bringt – will ja eigentlich sowas nimma fahren,
      aber der Bikepacking-Kalender hat schon wieder ein paar so verlockende Gschichten…
      LG
      Rudi

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